Manchmal versteht man einen Satz oder etwas aus einer Unterhaltung erst viel viel später.

So ging es mir bei einer Coachingeinheit im Rahmen meines Klarinettenstudiums, in der der Coach unser Gespräch auf meine Übegewohnheiten lenkte. Wir gingen nicht wirklich ins Detail, aber sie gab mir einen Impuls, für dessen Nachwirkungen ich bis heute immer noch sehr dankbar bin. 

Schmeiß deinen Kritiker beim Üben raus!”, sagte sie zu mir. „Stelle Dir vor, wie Du ihn aus dem Raum verbannst, in dem Du arbeiten willst.“ 

Zunächst wusste ich ehrlich gesagt nicht, was sie mir damit sagen wollte, trotzdem begann ich über meine Übegewohnheiten nachzudenken, indem ich mir zwei Fragen stellte.
– Falls Du kein Instrument spielst, kannst Du das Wort „üben” auch durch jede andere Tätigkeit ersetzen, bei der Du Dich weiterentwickeln möchtest.

Was erwarte, fühle und denke ich eigentlich beim Üben?

Habe ich unbewusste Denkmuster, mit denen ich mir selbst im Weg stehe? 

Du kannst Dir die Antwort bestimmt schon denken: Ja! 

1. Eigentlich erwarte ich, dass alles sofort funktionieren soll.
2. Übe ich unter dem Druck perfekt sein zu müssen!

Jede meiner Übestunden glich also eher einer Prüfung als einer Situation, in der ich wachsen konnte. Dies hatte zur Folge, dass ich keine Fehler akzeptierte und eigentlich auch keine sehen wollte, denn das Ziel war ja von Anfang an perfekt zu sein!
Versteh mich nicht falsch, natürlich geht es im Endeffekt darum durch das Üben besser zu werden und Fehler zu vermeiden, aber gleich perfekt sein zu wollen und von Anfang an keine Fehler zu machen, ist doch unrealistisch und wenn man ganz ehrlich ist, vielleicht auch gar nicht möglich. 

Wer kontrolliert mich beim Üben? 

Eigentlich ist dies ja eher eine rhetorische Frage. Trotzdem hat es mir sehr geholfen mir noch mal klar zu machen: 
Ich bin mein eigener (innerer) Kritiker und habe den extremen Anspruch perfekt sein zu wollen.

„Schmeiß deinen Kritiker beim Üben raus! Stelle Dir vor, wie Du ihm die Grenzen aufzeigst und ihn aus dem Raum verbannst, in dem Du arbeiten willst.“ 

Bei meinen nächsten Übe-Einheiten versuchte ich den Impuls aus dem Coaching umzusetzen. Ich verbannte meinen inneren Kritiker – zumindest in der Vorstellung – vor die Tür. Diese winzige und auch nur in meinem Kopf stattfindende „Aktion“ veränderte die Art und Weise meines Übens oder an mir Arbeitens sehr. 

Es entstand ein Raum, in dem ich mich ausprobieren konnte, indem Fehler erlaubt waren und indem nicht alles von Anfang an perfekt sein musste. Ich vergleiche diesen Raum gerne mit einer Werkstatt oder einem Labor, in dem geforscht wird. Einige Versuche gelingen, andere eben nicht. Auf die Weiterentwicklung kommt es an.

Während ich zuvor eine Fehlervermeidungstaktik gefahren war, bei der die ganze Energie dahin floss, meine Fehler zu umgehen oder im schlimmsten Fall zu vertuschen, stellte ich mich ihnen nun und begann wirklich an mir zu arbeiten. 

Wie sieht mein Üben/ Arbeiten heute aus?

  1. Zunächst frage ich meinen Status quo ab und beobachte meine heutige Tagesform. Wie fühle ich mich beim Spielen? Wie klingt es? Wie atme ich heute?
  2. Im zweiten Schritt geht es darum diesen Status quo anzunehmen und nicht sofort zu werten, ganz egal wie weit dieser Status vom Ideal entfernt ist. 
  3. Jetzt erst, im dritten Schritt benne ich Fehler und Probleme, also die Dinge, bei denen ich Entwicklungspotential sehe.
  4. Formuliere ich, welches Ideal ich anstrebe.
  5. Nun geht die Suche nach Lösungen, um diesem Ideal näher zu kommen, los. Welche Übungen oder wer könnte mir dabei helfen meinem Ziel näher zu kommen?
  6. Ins tun kommen! – Ganz wichtig!
  7. Ruhe und Gelassenheit bewahren. Es dauert so lang wie es dauert und meistens länger als wir denken oder uns wünschen.

Falls Du jetzt denkst: „Sieben Punkte! Das dauert doch alles viel zu lange!”, kann ich Dich beruhigen. Sobald Du sie verinnerlicht hast, musst Du die sieben Punkte gar nicht mehr einzeln durchgehen. Der Prozess läuft dann ganz automatisch ab. 

Fazit: Was hat sich für mich verändert?

Üben macht mir heute viel mehr Freude. Ich gehe das Ganze spielerischer, freudiger und lockerer an, mache mir selbst weniger Stress und habe richtig Spaß dabei Lösungen für meine „Probleme“ zu finden.
In meiner „Werkstatt“ bestimme ich, kann mich ausprobieren und stehe nicht unter dem Druck perfekt sein zu müssen. 
Ich habe gelernt meinen jetzigen Zustand anzunehmen und, dass dies die Grundlage für Verbesserung ist. 

Das beste ist jedoch, dass auch meine Ergebnisse eine neue Qualität und Beständigkeit bekommen haben und, dass ich mich nun wesentlich schneller weiterentwickele. 
Fehler sind zu etwas positiv besetztem geworden, da ich nun weiß, dass ich in diesen Punkten am meisten wachsen kann. 

Die 2 Tipps:

  1. Verschwende Deine Energie nicht dafür Fehler zu vermeiden oder anderen vorzumachen du hättest keine. Keiner von uns ist perfekt und jeder von uns hat Dinge, bei denen er/sie besser werden kann und möchte. Außerdem: Perfektion? Was ist das eigentlich? Geht das überhaupt und wäre es nicht langweilig, wenn wir uns nichts mehr erarbeiten müssten?
  2. Nutze Deine Kreativität und Deine Kräfte lieber dafür an Dir zu arbeiten, denn eigentlich liegt in dem, was wir nicht können das größte Potential für unsere Entwicklung. Schlecht ist und bleibt nur der, der den gleichen Fehler immer und immer wieder macht.

Und zuletzt: Hast Du Dir schon einmal Gedanken darüber gemacht worauf Du am meisten stolz bist? Sind es die Erfolge, die Dir einfach so glücken, weil Du schon immer gut in etwas warst, oder die, bei denen Du Schweiß und Herzblut gelassen hast, um sie zu erreichen? 
Für mich jedenfalls gibt es kein schöneres Gefühl als etwas geschafft zu haben, das mir am Anfang sehr schwergefallen ist oder mich daran zu erinnern, wie schwer etwas vor zwei Monaten war und dann zu sehen, wie leicht es mir heute fällt.

​Deine Melina

Darf ich Dich etwas fragen?

Woran arbeitest Du gerade und wie? Hat sich an der Art an dir zu arbeiten etwas über die Jahre verändert? 
Ich freue mich sehr über einen Kommentar und Deine Gedanken!